Die Mehrzweckhalle in Wendisch Evern: Manche möchten sie unbedingt erhalten, andere wünschen sich einen Neubau, der dem heutigen Stand der Technik entspricht. In einer Veranstaltung wurde deutlich: Für viele, die für den Erhalt plädieren, geht es im Kern nicht um alte oder neue Infrastruktur, sondern um Gefühle und Erinnerungen, die mit diesem Gebäude verbunden sind.

Es geht um Gefühle und Erinnerungen

Geschichten reichten zurück in eine Zeit, als die Halle, die heute als „alt“ gilt, selbst neu war – der Boden noch nicht ganz ausgelegt, vieles im Werden. Dass das Herz an einem solchen Ort hängt, ist weder unanständig noch zu beanstanden, im Gegenteil: Diese Verbundenheit verdient Achtung und Respekt und ist ausdrücklich anzuerkennen.

Trotzdem kommt man an einem „aber“ nicht vorbei. Wer seine Lebensgeschichte eng mit dieser Halle verknüpft und daraus den verständlichen Wunsch ableitet, sie zu bewahren, richtet den Blick naturgemäß nach hinten. Die Zukunft aber liegt in der anderen Richtung. Wird die Halle nur erhalten und immer wieder ertüchtigt, bedeutet das faktisch einen Rückschritt: Während sich andere Gemeinden infrastrukturell zukunfts-tauglich aufstellen, hielte Wendisch Evern an einer veralteten, sanierungsbedürftigen Bausubstanz fest. Leben heißt Veränderung – auch für eine Gemeinde. 

Leben heißt Veränderung

Um Schritt zu halten und attraktiv zu bleiben, braucht es den Mut zur Erneuerung. Ein Neubau der Sporthalle wäre ein solcher Schritt in die Zukunft.

1.Ein „Groschengrab“ aus Herzensgründen

In einem Zeitungsartikel zur Mehrzweckhalle ist davon die Rede, man wolle die alte Halle für insgesamt 2,5 Millionen Euro in der letzten Ausbaustufe „modernisieren“. Ich bin nicht überzeugt, dass dieser Begriff wirklich stimmig ist. Mit der veranschlagten Summe soll die Halle im Wesentlichen in einen Zustand versetzt werden, der ihre weitere Nutzung gerade so ermöglicht, ein „Weiter so“ wie bisher. Eine Garantie, dass damit alle Ausgaben erledigt sind, gibt es nicht. 

Vielleicht hilft ein Vergleich: Man hat ein altes Auto, fast zwanzig Jahre alt, und die Werkstatt macht es noch einmal fit. Kurz darauf fällt der Blinker aus, man „modernisiert“ ihn, sprich: man ersetzt ihn. Die Hoffnung lebt, dass nun Ruhe einkehrt, aber schon bald sind weitere „Modernisierungen“ nötig: Vergaser, Lichtmaschine, etc. Man investiert weiter, bis die Werkstatt mahnt: „Das einzig wirklich Wertvolle an diesem Wagen ist der neue Auspuff, den ich Ihnen gleich einbaue.“ Gemeint ist: Es wird Zeit, aller Erinnerungen zum Trotz, sich zu trennen, andernfalls wird der Wagen zur Kostenfalle, zum Groschengrab aus Herzensgründen. So war es bei meinem schlumpfblauen VW Polo damals: Mit dem neuen Auspuff bin ich gerade noch von Köln nach Paderborn gekommen. Da stand er wieder. Schweren Herzens trennte ich mich.

Statt Flickschuterie Neubau aus einem Guss

Die Mehrzweckhalle ist nun über sechzig Jahre alt. Wer will ernsthaft glauben, dass sie mit 2,5 Millionen Euro auf Dauer ertüchtigt ist? Realistisch betrachtet handelt es sich um eine Investition in eine nur noch begrenzt nutzbare Substanz. Der Dachstuhl wurde bereits für 45.000 Euro gesichert; diese Maßnahme gilt für eine Nutzungsdauer von fünf Jahren. Danach wird geprüft, ob weitere Investitionen nötig sind. Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem ein komplett neuer Dachstuhl für Hunderttausende Euro fällig wird. In die 2,5 Millionen Euro sind zwar diese Kosten eingerechnet. Aber will man wirklich so viele Millionen in eine zeitlich überschaubare Bestandssicherung investieren – im Wesentlichen aus Herzensgründen? 

Bestandssicherung aus Herzensgründen?

Kurz und gut: Die alte Halle ist dabei, zu einem Groschengrab zu werden, in das fortlaufend Geld fließt. Vor einer solchen vermeintlichen „Modernisierung“ kann man aus finanziellen und sachlichen Gründen nur nachdrücklich warnen. Es ist absehbar, dass die ursprünglich veranschlagten 2,5 Millionen Euro nicht das Ende der Investitionsspirale sein werden. In welche Dimensionen sich diese Summe am Ende steigert, sollten wir lieber gar nicht erst austesten – und stattdessen den konsequenten Schritt zu einer neuen Halle gehen.

2. Neubau oder Sanierung – was kostet die Gemeinde mehr?

Oft wird eingewandt, eine neue Halle sei doch viel teurer. Verhält es sich nicht vielleicht genau umgekehrt? Die Kosten für die alte Mehrzweckhalle müsste die Gemeinde Wendisch Evern allein tragen, während die Finanzierung einer neuen Sporthalle im Wesentlichen beim Bauherrn, also der Samtgemeinde, läge. Auf Wendisch Evern kämen dann „nur“ die Kosten zu, die mit einem weiteren Ausbau z.B. zur Mehrzweckhalle verbunden sind. So wie auch die anderen Gemeinden bei größeren Bauprojekten die Samtgemeinde mit ins Boot holen und Finanzierungsmöglichkeiten erschließen, sind auch wir auf die infrastrukturelle Unterstützung der Samtgemeinde angewiesen, um langfristig mit den umliegenden Gemeinden auf Augenhöhe agieren zu können. 

Neubau kommt unser Dorf günstiger als Restaurierung alter Bausysbstanz

Ich wage die These: Eine neue Halle kommt die Gemeinde Wendisch Evern am Ende deutlich günstiger als die jetzt veranschlagten Gelder für die Ertüchtigung der alten Halle, die wir ohne starken Partner alleine aufbringen müssten. Eine Frage der Kalkulation, das zu prüfen.

3. Was das Kerncurriculum Sport verlangt und unsere alte Halle nicht leisten kann

Im begrenzten Umfang könnte der Sportunterricht in der Halle umgesetzt werden, so eine These. Graduell würde die Mehrzweckhalle damit den Erfordernissen des Kerncurriculums Sport für die Grundschule entsprechen. Nehmen wir einmal an, diese optimistische Annahme träfe zu, und denken dies konsequent weiter: Der Bildungsbeitrag des Faches Sport wird dort ausdrücklich als „unverzichtbar“ beschrieben; die erwarteten Kompetenzen werden als „grundlegend und unverzichtbar erachtete fachbezogene Kenntnisse und Fertigkeiten“ formuliert. Dazu gehört im Bewegungsfeld „Spielen“ unter anderem, dass die Schülerinnen und Schüler Bälle in Spielsituationen werfen und fangen, Ziele treffen, Bälle und Schläger sachgerecht nutzen und ein großes Sportspiel in vereinfachter Form regelgerecht ausführen können; als Beispiele werden u. a. Mannschaftsspiele wie Handball, Fußball oder Basketball genannt. Gerade für Ballspiele erscheint die Halle – auch nach getätigten Investitionen – nicht geeignet. Werden ballspielbezogene Erfahrungen über Monate der kalten Jahreszeit hinweg praktisch ausgeschlossen, ist ein kontinuierlicher Lernprozess in diesen Bereichen kaum möglich. Kinder sammeln dann zufallsabhängig und nur saisonal Ballspielerfahrungen, was sowohl die geforderte Kompetenzentwicklung (z. B. Spielfähigkeit, Regelbewusstsein, Team- und Kooperationsfähigkeit) als auch eine faire Leistungsbewertung erheblich erschwert. 

Alte Bausysbstanz diktiert Unterricht

Natürlich könnte man die Kinder nach Barendorf fahren – weil Barendorf etwas hat, was Wendisch Evern fehlt: eine umfänglich sporttaugliche Halle. Wollen wir das wirklich und gänzlich ohne Not: Auf eine eigene Sporthalle verzichten?

4. Chancengleichheit im Sportunterricht

Hinzu kommt eine Gleichwertigkeitsproblematik: Schülerinnen und Schüler unserer Schule haben im Vergleich zu Kindern an Schulen mit voll nutzbaren Sporthallen geringere Chancen, die im Kerncurriculum vorgesehenen Kompetenzen zu erwerben und sich auf weiterführenden Sportunterricht vorzubereiten. Damit gefährden die baulichen Einschränkungen mittelbar die im Kerncurriculum formulierte Zielperspektive eines langfristig angelegten, anschlussfähigen Lernens im Fach Sport. Kurz gesagt: Es kann also nicht das unterrichtet werden, was sportpädagogisch sinnvoll und gefordert ist, sondern nur das, was in der Halle „irgendwie“ noch umsetzbar ist. Für ein solches auf Dauer gestelltes Provisorium 2,5 Millionen Euro aufzuwenden, erscheint vor diesem Hintergrund pädagogisch wie finanziell kaum vertretbar. 

Chancengleichheit eine Chance geben

Am Rande sei erwähnt, dass eine neue Halle nicht allein dem Schulsport dient; sie ermöglicht auch Erwachsenensport und schafft damit einen erheblichen Mehrwert für alle in unserer Gemeinde. Auch der Vereinssport profitiert selbstredend davon.

5. Infrastruktur als Standortfaktor für die Schule

Wenn man ungeachtet dieser Problematik dennoch dieses 2,5 Millionen Euro teure Provisorium in Betracht zieht und einer neuen, sportfachlich angemessenen Sporthalle vorzieht, zeichnet sich ein weiteres Problem ab: In der längst entfachten Diskussion um die Schulstandorte in der Gemeinde werden Gründe gegeneinander abgewogen, wo ein Schulstandort langfristig gesichert werden kann und wo eine Schließung in Erwägung gezogen werden müsste. Die vorhandene Infrastruktur wird dabei eine gewichtige Rolle spielen. Gemeinden mit einer zeitgemäßen, vollständigen Infrastruktur werden hier einen klaren Standortvorteil haben. Eine Gemeinde, die im Bereich Sporthalle den Erfordernissen des Kerncurriculums Sport Grundschule nicht vollumfänglich entspricht, könnte leicht ins Hintertreffen geraten. 

Sichrung des Standortes Schule durch moderne Infrastruktur

Ich möchte mir Wendisch Evern nicht als Ort ohne Schule vorstellen: Mit einer als mangelhaft wahrgenommenen Infrastruktur sinkt die Attraktivität des Ortes gerade für junge Familien. In diesen jungen Familien liegt aber die Zukunft unseres Ortes. Die alte Mehrzweckhalle vor allem aus Gründen der Erinnerungskultur zu erhalten, lässt sich vor diesem Hintergrund nur schwer rechtfertigen, wenn es doch darum geht, mit einer tragfähigen Infrastruktur in die Zukunft Wendisch Everns zu investieren.

6. Wie in die Jahre Gekommenes im Neuen weiterleben kann

In summa spreche ich mich für einen Sporthallenneubau aus, möchte aber mit einem versöhnlichen Gedanken enden, der vielleicht einen tragfähigen Kompromiss bereithält. Dazu ein kurzer Ausflug in die Berge: Ich wandere gerne jenseits der Baumgrenze und übernachte mit Freunden auf Hütten, die am Weg liegen. Diese alten Hütten sind oft urig, sehr gemütlich. Manchmal kommt es jedoch vor, dass wir Jahre später an derselben Stelle eine neu gebaute Hütte vorfinden. Dann stellt sich zunächst Bedauern und Wehmut ein, denn der Charme der alten, vom Zahn der Zeit gezeichneten Hütte scheint unersetzbar. Viele Erinnerungen sind mit ihr verbunden. Dieses Bedauern schwindet jedoch meist schnell, wenn man ein, zwei Nächte in der neuen Hütte verbracht hat. Man lernt den Trockenraum zu schätzen, den es vorher nicht gab – früher spannten sich Leinen quer durch den Gastraum, an denen alle ihre feuchten Kleider bis hin zu Socken aufhängten, mit entsprechend „eigenwilligem“ Aroma. Zugefrorene Wasserleitungen, besonders beim Toilettengang ein Ärgernis, gehören der Vergangenheit an; warmes Wasser und andere Verbesserungen kommen hinzu. Und doch findet sich auch die alte Hütte wieder: Beim Neubau wird oft manches aus der alten Hütte übernommen, was noch verwendbar ist. So finden sich alte Balken, Möbelstücke oder andere Elemente als Inseln der Erinnerung im neuen Gebäude wieder. Das Alte wird so zum Teil des Neuen. 

Wie alt und neu zusammenfinden: ein Tandem bilden

Wäre in Wendisch Evern nicht Ähnliches denkbar? Zu prüfen, welche baulichen Charaktermerkmale der alten Mehr-zweckhalle sich in eine neue Sporthalle integrieren lassen. Die Übernahme des Wappens an der Kopfseite liegt nahe, aber es gibt sicher weitere Details, die eine unverwechselbare Typik ausmachen. Ich könnte mir ein künstlerisches Wandornament vorstellen, das aus dem alten Hallenboden gestaltet ist u.a.m. Wenn solche Elemente in die neue Halle einfließen, mag dies das Herz derjenigen erwärmen, die von Melancholie oder verständlicher Wehmut erfüllt sind, weil ihre alte Mehrzweckhalle weichen musste. Diese Symbiose von alt und neu kann zugleich deutlich machen, dass hier nicht nur etwas endet, sondern auch etwas Zukünftiges und Gutes entsteht. Und in gewissem Sinne bleibt man mit seinen Erinnerungen von früher immer Teil davon...

Prof. Dr. Norbert Schläbitz