Kolumne – Burkhard Schmeer schreibt: Der alte Mann und die Zeit
Neulich in Lüneburg, beim Warten auf meinen mal wieder verspäteten Zug, konnte ich ein interessantes Gespräch belauschen. Eine mittelalte Dame schimpfte, dass die Bahn ihr die Zeit stehlen würde und sie für so einen vermaledeiten Drecksmist einfach keine Zeit hätte. Und überhaupt sei das heute mal wieder so ein richtig blöder Tag!
Ein alter Mann kicherte und fragte die Dame, ob sie denn wüsste, woher die Tage kämen? Die aufgebrachte Dame wollte schon zu einer scharfen Entgegnung ansetzen, sah aber dann den alten Mann und sein amüsiertes Lächeln und sagte: „Wenn ich ehrlich bin, weiß ich es nicht. Und da ich offensichtlich gerade Zeit habe (!), bin ich einer guten Geschichte gegenüber nicht abgeneigt. Aber wehe, es ist irgend so ein alberner Plattitüden-Schrott, den man auf billigen Kalendern findet!" Der alte Mann lachte, was er ihr erzählen wolle, sei einfach nur die Wahrheit. Und danach würde vieles in einem völlig neuen Licht erscheinen. „Also", sagte der alte Mann, „vor langer, langer Zeit, da gab es auf der Welt nur sehr wenige Menschen. Und diese wenigen Menschen verfügten über mehr Zeit, als sie selbst aufbrauchen konnten. Sie hatten sozusagen alle Zeit der Welt. Und deswegen auch Zeit für alles. Aber dann, so ungefähr vor 100 oder 200 Jahren, waren die Menschen so viele geworden, dass die Zeit knapp wurde. Zwar hatte noch immer jeder Mensch jeden Tag einen neuen Tag, aber es wurde klar, dass es so nicht weiter gehen konnte. Damals baute man die Tage noch im Tagebau ab, aber die Ressourcen neigten sich dem Ende entgegen, und so versuchte man alternative Abbauplätze zu finden. Auf der Erde war bereits alles ausgeschöpft, also versuchte man auf den Mond auszuweichen. Aber auf dem Mond gibt es nur Mondtage, und die konnten qualitativ einfach nicht überzeugen. Doch mangels Alternativen kamen die Mondtage dennoch in den Umlauf. Man nannte sie „Montage", um ihrer Herkunft zu verschleiern. Doch die Montage waren und blieben der unbeliebteste Tag der Woche - und jeder hätte gern auf sie verzichtet. Für die anderen Wochentage blieb nur das heimliche Wiederverwerten bereits benutzter Tage übrig. Diese unbenutzte Zeit lag meist in der Nacht, immer dann, wenn wir traumlos schlafen. Aus dieser Restzeit - und mit Hilfe von großen Mengen Sekundenkleber - stellte man einen „neuen" Tag her, der eigentlich ein alter Tag war. Und so nannte man ihn auch folgerichtig „Alt-Tag“, oder eben umgangssprachlich den „Alltag". Meist kam den Leuten der Alltag doch sehr bekannt vor und irgendwie schien er sich in seinem Ablauf sogar jeden Tag zu wiederholen, aber was der wahre Grund hinter diesem diffusen Gefühl war, das blieb den meisten Menschen zum Glück verborgen. Falls nicht, hätte das auch mächtig Ärger gegeben. Trotzdem kam es beim Zeitmanagement der Welt immer wieder zu Problemen. 0b es Leute waren, die anderen die Zeit stahlen, oder Sportler, die auf der Rennbahn ein - zwei Hundertstel liegen ließen, kleine Schwankungen waren einfach nicht in den Griff zu bekommen und gefährdeten das ganze System. Die Lösung war radikal und denkbar einfach: Am 06.04.1980 wurde die Sommerzeit eingeführt! Damit sparte man bei über 82 Millionen Menschen jeweils eine ganze Stunde ein! Umgerechnet entsprach das gut 9.350 Jahren! Damit war ein super Puffer gefunden, der das System auch gegen große Unregelmäßigkeiten stabil halten konnte. Und weil man diese Stunde unmöglich wieder zurückgeben konnte, fand die angebliche Umstellung auf die Winterzeit auch immer nur nachts, wenn keiner guckte, statt. Oder mit anderen Worten: Nie!“
„Aber das ist doch Unsinn“, warf die mittelalte Dame ein, „wenn die Stunde immer nur weggenommen, aber niemals zurückgegeben würde, dann hätten die Leute doch spätestens nach 24 Jahren überhaupt keine Zeit mehr!"
„Gut mitgedacht", entgegnete der alte Mann. „Aber diese eine Stunde, die musste ja auch nur ein einziges Mal nicht zurückgegeben werden! Und man machte das auch nicht bei allen gleichzeitig, sondern immer wieder nur bei einzelnen. Doch im Laufe der ersten 10 Jahre seit Einführung der Sommerzeit hatte es dann doch jeden einmal erwischt. Sie erinnern sich vielleicht noch an die Presse, die immer wieder über Müdigkeit und Abgeschlagenheit bei einzelnen Betroffenen berichtete? Wäre es bei allen 82 Millionen gleichzeitig gewesen, wäre die Sommerzeit sofort wieder abgeschafft worden, aber so..."
Die mittelalte Dame runzelte die Stirn. „Und den Leuten fällt nicht auf, dass sie einen gebrauchten Tag benutzen?" Der alte Mann lachte: „Na ja, beim Fernsehprogramm. Manchmal. Ein bisschen. Aber daran haben sich die Leute längst gewöhnt."
Mit diesen Worten stieg der alte Mann in den inzwischen eingefahren Zug ein und verschwand.
Er hatte recht.
Meine Welt würde nie wieder dieselbe sein ...
Ihr Burkhard Schmeer