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18. Mai 2020: Warum es vernünftig ist, den Klimawandel als Faktum zu behandeln - Norbert Schläbitz

Die Proklamation des Klimawandels sowie der Aufruf zur Änderung unserer Lebensverhältnisse ruft wie als Reflex Bedenkenträger auf den Plan, die den Klimawandel in Abrede stellen. Sie machen sich dabei zunutze, dass Wissenschaft keinen Sachverhalt letztgültig verifizieren kann. Mit anderen Worten: Man kann nie zu 100% etwas beweisen oder widerlegen. Es lassen sich aber prozentual Wahrscheinlichkeiten benennen und Plausibilitäten.

Ein Beispiel: Wenn seit Anbeginn aller Forschung Empirie belegen kann, dass alle Raben schwarz sind, schließt das nicht aus, dass nicht morgen doch ein weißer Rabe gesichtet werden könnte, was die These: Alle Raben sind schwarz, falsifizieren würde. Und doch ist es vernünftig, am Schwarze-Raben-Theorem sein Handeln auszurichten, wie immer das auch aussehen mag. Das Restrisiko Weißer-Rabe bleibt dabei unbenommen bestehen.

Genau auf dieses Restrisiko verständigen sich Klimaskeptiker. Zwar sind sich Klimawissenschaftler zu 97% (vielleicht auch mehr – die Angaben in der Literatur schwanken hier minimal) aufgrund wissenschaftlicher Untersuchungen und Belege etwa einig, dass der Klimawandel sich vollzieht und Veränderung dringend Not tut, aber ca. 3% (+/-) sehen das anders. Und auch sie haben Gründe.

Den skeptischen Bürger, die skeptische Bürgerin überzeugt das Verhältnis von 97% zu 3% also nicht. Sie bleiben dem eigenen Credo treu, sähen in möglichen Maßnahmen zur Minderung des Temperaturanstiegs einen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht, fühlten sich bevormundet, in ihrem Lebensstil bedroht, sähen möglicherweise den Wirtschaftsstandort Deutschland gefährdet, wo Regelungen zur Stabilisierung des Klimas getroffen würden u.a.m.

Dabei würde es (und das mag wundern) auch für den Klimaskeptiker zum Vorteil gereichen, wenn er die Annahme des Klimawandels sich zu eigen machte. Um dies zu verdeutlichen, wird basal nach dem Argumentationsgerüst nach Blaise Pascal verfahren. Wer Blaise Pascal nicht kennt: Er war ein Denker des 15. Jahrhunderts und ist mit einer Idee, die als Pascalsche Wette bekannt ist, in die Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte eingegangen.

Macht es also Sinn, an den Klimawandel zu glauben oder nicht, auf ihn sozusagen zu wetten und sollte man demnach Maßnahmen einleiten oder nicht? In Anlehnung an Blaise Pascal könnte eine Argumentation wie folgt voranschreiten:

  • 1. Fall: Der Klimawandel existiert → Man leitet Maßnahmen zur Stabilisierung des Klimas ein. Ergo: Wenn man auf den Klimawandel wettet und tätig wird, ist der Gewinn nicht von der Hand zu weisen: Der Anstieg der Temperatur würde verlangsamt, bestenfalls sogar gestoppt, Naturkatastrophen eingeschränkt, die Lebensgrundlagen von Mensch & Tier gerettet. Bingo: Mögliche Investitionen sind also gut angelegt.
  • 2. Fall: Der Klimawandel existiert de facto nicht → Man leitet Maßnahmen trotzdem zur Stabilisierung des Klimas ein (weil man irrtümlich ein solchen annimmt). Gibt es den Klimawandel aber nicht, hat aber alle möglichen Maßnahmen eingeleitet, so hat man dem Klima und der Natur ganz sicher einen Dienst erwiesen. Darüber hinaus ist ein Gewinn zu verzeichnen, denn Forschung und Investitionen zum nur vermeintlichen Problem Klimawandel werden Lösungen präsentieren, die (auch wirtschaftlich) neue Wege weisen. Problembewältigungen schaffen Fortschritt, nie Unterlassungen. Das mag Wirtschaftszweige in die Krise führen, nötigt aber zur Anpassung an die neuen Verhältnisse. Der Glaube, die Unterlassung würde zur Bestandssicherung von Firmen beitragen trügt, ja er läuft ins Leere (s.u.).

In beiden Fällen ist man (mal mehr, mal weniger) also auf der Gewinnerseite, wenn man auf die Existenz des Klimawandels wettet und entsprechend handelt, unabhängig davon, ob der Klimawandel überhaupt real existiert oder nicht. Betrachtet sei nun das Szenario, wenn sich der Klimaskeptizismus durchsetzt und man nichts tut.

  • 3. Fall: Der Klimawandel existiert → Maßnahmen zur Stabilisierung des Klimas unterbleiben (weil der Skeptizismus sich zu Unrecht durchsetzte). Der Klimaskeptiker triumphiert. Die Folge: Gesellschaft lebt weiter so wie bisher und der dadurch angerichtete Schaden wird infolge dramatischer Klimaveränderungen das Leben zum Nachteil aller verändern. Man hat, indem man den Klimawandel leugnete, auf ein Weiter so und ein Es ist noch immer gut gegangen (obwohl es längst nicht immer gut gegangen ist) wettete, verloren. Der Verlust hier ist auf Generationen zu rechnen und von historischem Ausmaß.
  • 4. Fall: Der Klimawandel existiert de facto nicht → Maßnahmen zur Stabilisierung des Klimas unterbleiben. In diesem Falle spart man zwar eine Menge Geld, aber wenn man auf diese Annahme setzt oder wettet, ist auch kein essentieller Gewinn zu erzielen. Und ob man im business as usual etwas gewinnt, ist zumindest zweifelhaft, denn zu wirtschaftlicher Bestandssicherung trägt das nicht (s.u.) unbedingt bei.

Vergleicht man nun die Gewinn- und Verlustrechnungen zum Für und Wider des Klimawandels, ist die Wette, dass der Klimawandel faktisch Realität ist, mit einer definitiv höheren Gewinnprognose und auch höheren Gewinnausschüttung ausgezeichnet, denn das Ökosystem Welt und der Mensch profitieren davon, während man im anderen Fall zwar Geld spart und doch Bestandssicherungen fraglich sind. Man geht dafür aber ein irrsinnig hohes Risiko ein, denn der Wetteinsatz sind die Lebensgrundlagen auf der Welt, die nachhaltig zum Schaden von Mensch und Natur verändert werden. Und das auf Dauer.

Zur Bestandssicherung und warum eine solche fraglich ist: Wer den Klimawandel als Faktum annimmt (egal ob er gegeben ist, wirklich massiv eintritt oder nicht), gewinnt aus einem weiteren Grunde: Der Klimaskeptiker favorisiert den Status Quo, das business as usual. Das mag zu früheren Zeiten vernünftig gewesen sein. Aber der Status Quo ist längst passé. Der Erhalt des Status Quo wettet auf eine Zukunft, die mehr als Retropie operiert. D.h.: Während die Welt um einen herum im Rahmen eines ökologisch bedingten Strukturwandels, Skeptizismus hin oder her, sich längst zunehmend verändert, sucht man die Bestandssicherung mit den Vorstellungen der Vergangenheit zu betreiben.

Das aber kann nur scheitern: Das ist dann bspw. eine Landwirtschaft, die traditionell aufgestellt ist und statthabenden Veränderungen auf gesellschaftlicher Ebene mit Unmut begegnet. Daneben gibt es aber Landwirte, die neue Bewässerungssysteme entwickeln und ausprobieren, die sparsamer mit der Ressource Wasser umgehen, weniger oder keine Insektizide/Bodengifte spritzen, oder die Getreidesorten und Gemüse anbauen, die mit weniger Wasser gute Erträge erzielen lassen. Sie erwerben unschätzbare Kompetenzen, operieren umweltschonend und erwerben ein mit keinem Geld der Welt aufzuwiegendes Vorsprungswissen, während andere angesichts auch eines ökologisch bedingten Strukturwandels in ihrer Existenz gefährdet sind. Im Klartext: Wer auf die Tradition wettet, verliert auf jeden Fall – wer auf den Strukturwandel setzt, gewinnt. Man mag mit Traktoren demonstrieren, nach Berlin fahren, den Gewinn fährt zuletzt das innovative Vorsprungswissen ein, die Bereitschaft, sich neu zu erfinden.

Ein zweites Beispiel: Auch die deutsche Autoindustrie hat lange, vielleicht zu lange, auf ein fraglos lange Zeit tragfähiges Geschäftsmodell gesetzt und mit Softwareimplementationen (manche würden auch von Softwaremanipulationen sprechen) versucht, Veränderungen (den Zug der Zeit sozusagen) aufzuhalten. Auch hier ist die Retropie zu verorten. Das einstige Vorsprungswissen hat in der Akkumulation zum gesetzten Bestandswissen seine Strahlkraft verloren. Andere haben die Leerstelle, die die deutsche Automobilindustrie ohne Not aufgetan hat, besetzt. Andere haben geforscht, neue Möglichkeiten der Mobilität und ein Vorsprungswissen entwickelt, das nun auf der Seite des Establishments fehlt und teuer eingekauft werden muss. Der Eindruck, dass es in der Autoindustrie Versäumnisse gegeben hat, einen, parallel zum digitalen, ökologisch aufgestellten Strukturwandel verschlafen hat, drückt sich auch in den nun massiven Veränderungen aus, denen dieser maßgebliche deutsche Industriezweig unterworfen ist. Bis zum Jahr 2030 sollen ca. 80000 Arbeitsplätze verschwinden. Ob es dabei bleibt, ist fraglich. Das sind ja nur erste, vorsichtige Prognosen. Auch die Zulieferindustrie wird davon betroffen sein. Inwieweit sich hier, aufgrund von Management-Versäumnissen, das tragische Schauspiel eines Dinosauriersterbens wiederholt, ist eine noch nicht ausgemachte Sache. Das Weiter so wollte apodiktisch den Status Quo erhalten, sprich: Anstatt die Zukunft zu gestalten, wollte man die Gegenwart verwalten. Das aber war die Retropie und so die Regression.

Die Wette heute lautet also: Status Quo oder Anpassung an neue Verhältnisse. Im Grunde kann es kein Zögern geben, für welche Seite man sich vernünftigerweise entscheidet. Man kann zwar die Rolle des Klimaskeptikers einnehmen und sich zum Weiter so wie bisher bekennen, aber der neben Digitaltechnologie eben auch auf Ökologie aufbauende Strukturwandel läuft längst. Er ist nicht mehr aufzuhalten. Und er läuft vielen schon davon. Die einzig vertretbare Haltung zur Wette Tradition/Innovation ist demnach die der Pascalschen Wette und sich der Chancen besinnen, die im Wandel liegen. Keine neue Erkenntnis: Dass Freiheit Einsicht in die Notwendigkeit ist, ist schon bei Hegel nachzulesen. Auch wer demnach dem Klimawandel mit Skepsis begegnet, ihn abstreitet, sollte ihn (wenn auch mit gekreuzten Fingen) als Option für sich annehmen, darauf wetten und klimafreundlich Vorsorge betreiben. Diese Wette ist nicht zu verlieren. Und wer will schon zu den Verlierern gehören.

Das hieße zugleich aber auch: In Zeiten emotionalisierter Hypererregtheiten und moralisierender Empörungskultur wieder auf die Vernunft zu hören. Das wäre auch ein Gewinn...

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